Erst die Gefängnisse, nun die Polizeiwachen: In Großbritannien wird das erste Revier privatisiert, um Geld zu sparen. Immer wieder ist es eine Firma, die für den Staat einspringt: G4S. Nun wittern die Kommerz-Cops ein Milliardengeschäft.
Lincolnshire, sagt Alan Hardwick, sei eigentlich eine ziemlich sichere Gegend. Die größte Stadt heißt Lincoln, 120.000 Einwohner. "Der Rest ist ländlich und ruhig", sagt der Sprecher der Polizeibehörde Lincolnshire.
Ausgerechnet hier startet nun das bisher radikalste Outsourcing-Experiment in der britischen Justizgeschichte. Ab April wird die Sicherheitsfirma G4S viele Polizeiaufgaben in der mittelenglischen Grafschaft übernehmen. Die Firma soll sogar ein komplettes Polizeirevier mit 30 Zellen bauen und verwalten.
"Es ist das erste Mal, dass die große Mehrheit der Aufgaben in einer Polizeibehörde einer Privatfirma übertragen wird", sagt Nicola Savage von G4S. Der Vertrag, der in den nächsten Tagen unterzeichnet werden soll, bringt der weltweit größten Sicherheitsfirma Einnahmen von 200 Millionen Pfund über zehn Jahre.
Das Sagen in allen Polizeiwachen haben zwar auch künftig uniformierte Beamte. Doch die vielen kleinen Alltagsarbeiten sollen von Angestellten der privaten Firma erledigt werden. "Nur Polizisten können jemanden festnehmen", sagt Savage. "Aber alle Aktivitäten, die keine richterliche Anordnung benötigen, wie Fingerabdrücke, Alkoholtests oder medizinische Versorgung, übernehmen wir." Auch für die Datenverarbeitung, Personalverwaltung, den Betrieb der Funkleitstelle und die Lizenzierung von Schusswaffen ist künftig G4S zuständig.
Die Polizei von Lincolnshire rechnet mit Einsparungen von bis zu 20 Millionen Pfund im Jahr. Allein die Personalkosten dürften sich deutlich verringern: 540 von derzeit 980 Mitarbeitern der Polizeibehörde werden von G4S übernommen und bezahlt. An ihren Arbeitskonditionen soll sich vorerst nichts ändern. Deshalb regt sich bislang auch kein Protest. Längerfristig fürchten Gewerkschafter aber Gehaltskürzungen.
Keine Firma hat so sehr vom Privatisierungstrend profitiert wie G4S
Anlass für die weitreichende Privatisierung ist der Sparkurs der liberalkonservativen Koalition in London. Schatzkanzler George Osborne hatte 2010 allen regionalen Polizeichefs eine Budgetkürzung von 20 Prozent bis 2014 verordnet. Wenn Lincolnshire die Zahl der 1100 Einsatzbeamten konstanthalten wolle, müsse man eben an die Verwaltung ran, sagt Polizeisprecher Hardwick.
Der Glaube an die Vorteile einer teilprivatisierten Justiz ist in Großbritannien tief verwurzelt. Bereits 1992 eröffnete das erste private Gefängnis Europas in der Grafschaft Yorkshire. Schon damals hieß der Betreiber G4S. Inzwischen sitzen rund zwölf Prozent der britischen Häftlinge in privaten Haftanstalten, Tendenz steigend.
Keine Firma hat so sehr von diesem Trend profitiert wie G4S. Das Unternehmen mit Sitz in Crawley bei London beschäftigt inzwischen über 600.000 Mitarbeiter in 130 Ländern.
Gerade in der britischen Hauptstadt führt kaum ein Weg an den Privatcops vorbei: G4S-Leute helfen bei den Grenzkontrollen in Heathrow, sichern die Olympischen Spiele, unterstützen Anti-Terror-Einheiten und wollen künftig auch die Asylbewerberheime landesweit verwalten. In Süd-Wales, Lancashire und Staffordshire sind sie bereits seit Jahren damit betraut, festgenommenen Personen ihre Fingerabdrücke abzunehmen und sie während ihrer Verwahrung in der Zelle zu betreuen.
Zehn Grafschaften haben bereits Interesse signalisiert
Politischen Widerstand gegen die Privatisierung sensibler Staatsaufgaben gibt es kaum. Die Labour-Opposition hatte in ihren 13 Regierungsjahren von 1997 bis 2010 das Outsourcing an G4S und Co. mit ähnlich großer Begeisterung vorangetrieben wie jetzt die liberal-konservative Koalitionsregierung.
Und das, obwohl G4S in der Vergangenheit einige Male in die Schlagzeilen geraten war. Zuletzt im September 2011, als die Gefängnisaufsichtsbehörde einigen G4S-Mitarbeitern Regelverstöße vorwarf. Bei der Abschiebung von Asylbewerbern hätten sie unnötige Gewalt angewandt und untereinander die Gefangenen mit rassistischen Begriffen bezeichnet.
So etwas soll bei der Polizei allerdings auch bisweilen vorkommen. Wahrscheinlich deshalb hat der Ruf von G4S unter dem Vorfall nicht nennenswert gelitten.
Die private Polizeiwache in Lincolnshire soll für G4S nun die Tür zu weiteren Geschäftsfeldern aufstoßen. Beide Partner preisen ihre Zusammenarbeit als Modell für das ganze Land. "Nicht jede Polizeibehörde braucht ihre eigene Personalabteilung und Buchhaltung", sagt Savage.
Zehn Grafschaften haben bereits Interesse signalisiert. G4S ist im Gespräch mit all diesen Polizeibehörden. Am Ende könnte aus dem Millionen-Deal in Lincolnshire ein Milliardengeschäft im ganzen Königreich werden.