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Jeder Zweite scheitert am Deutschtest


Hunderttausende Flüchtlinge sollen in Integrationskursen Deutsch lernen, doch viele von ihnen schwänzen die Kurse. Denn das System lädt zum Betrug ein.


Wer in Deutschland dauerhaft leben möchte, der muss auch Deutsch sprechen. Die Sprache ist wichtig, um Arbeit zu finden, Anträge auszufüllen und auch einfach, um neue Menschen kennenzulernen. Kurz gesagt: Ohne Deutsch keine Arbeit, keine Integration. Im April 2016 erklärte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Je früher Menschen, die wahrscheinlich bleiben werden, die deutsche Sprache lernen und arbeiten können, desto besser für uns alle. Sonst riskieren wir, dass aus Frust und Langeweile Gewalt und Kriminalität werden oder politischer und religiöser Extremismus gedeihen kann.“

Die Integrationskurse sind – freundlich ausgedrückt – nicht sonderlich erfolgreich. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) besuchten im vergangenen Jahr 339.578 Menschen erstmals einen Integrationskurs. Allerdings machten deutlich weniger, nämlich nur 289.751 Ausländer, später auch beim Sprachtest am Kursende mit. Von denjenigen, die überhaupt am Sprachtest teilnahmen, erreichte nicht einmal jeder Zweite (48,7 Prozent) das Kursziel B1. Vier von zehn (40,8 Prozent) kamen lediglich auf das niedrigere Sprachniveau A2, der Rest blieb darunter. Im Jahr 2016 sah es ähnlich düster aus: Fast 340.000 Menschen nahmen an einem Integrationskurs teil, nur rund 100.000 bestanden den Test auf dem B1-Niveau.Damit es nicht so weit kommt, gibt es die sogenannten Integrationskurse. Sie dauern meist ein halbes Jahr und bestehen aus zwei Teilen: Aus 600 Schulstunden Sprachkurs und 100 Schulstunden Orientierungskurs. Im Sprachkurs sollen die Teilnehmer so viel Deutsch lernen, dass sie das Niveau B1 erreichen. Das Ziel ist niedrig gehängt. Sprachkenntnisse des Levels B1 genügen, um im Alltag in Deutschland schriftlich und mündlich klarzukommen, für einen qualifizierten Beruf reichen sie meist nicht. Im Orientierungskurs wiederum werden die wichtigsten Informationen zur deutschen Geschichte, Kultur und Rechtsordnung vermittelt. Am Ende gibt es eine Prüfung. Wer sie besteht, erhält das „Zertifikat Integrationskurs“, das bei der Arbeitssuche hilft.

„Ein großer Teil der eingesetzten Mittel verpuffte“

Warum scheitern so viele? Das Bamf verweist darauf, dass einige Teilnehmer im Verlauf des Kurses krank werden, andere eine Arbeit finden oder umziehen und deshalb nicht zur Abschlussprüfung antreten. Der sehr wohlmeinende Schulleiter einer großen Volkshochschule antwortet, dass die Ziele zu hoch gesteckt seien und die Gesellschaft mehr Geduld haben solle. Viele Zuwanderer seien durch die Flucht traumatisiert und könnten deshalb nicht so gut lernen. Anderen fehle es an einer „Lernkultur“. Sie hätten in ihrem Heimatland keine Schule besucht und verfügten über keine Technik, wie sie fremde Vokabeln und Grammatik lernen sollten.

Bei kritischerem Hinsehen zeigt sich: Viele Flüchtlinge schwänzen zu viele Stunden in ihren Sprachkursen. So steht es auch in einem Prüfbericht des Bundesrechnungshofs. Die Beamten hatten Sprachkurse der Bundesagentur für Arbeit kontrolliert – und kamen vor einem Jahr zu einem desaströsen Ergebnis. „Es ist davon auszugehen, dass ein großer Teil der eingesetzten Mittel verpuffte, weil die Kurse von schwindenden Teilnehmerzahlen geprägt waren“, heißt es in der abschließenden Mitteilung an den Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Konkret seien „bei fast allen“ der 528 untersuchten Kurse mit der Zeit immer mehr Teilnehmer ferngeblieben. Als die Prüfer anrückten, trafen sie nicht mal die Hälfte, sondern nur 43,3 Prozent der gemeldeten knapp 10.000 Teilnehmer an.

Die Prüfer stellten ferner fest, dass die Anbieter der Kurse für einige Teilnehmer mehrfach kassiert hatten und sogar Säuglinge und Kleinkinder bis drei Jahren als Teilnehmer angemeldet hatten. Dazu heißt es trocken: „Auch wenn Kleinkinder mit 18 Monaten Zweiwortsätze bilden können, sind sie damit noch nicht geeignet, an einem Sprachkurs teilzunehmen.“ Und: „Denkt man an ein altersentsprechendes Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern, dürfte die erforderliche Atmosphäre zum Erlernen einer Fremdsprache nicht oder allenfalls nur mit starken Einschränkungen zustande gekommen sein.“

Eigenmotivation und Nächstenliebe reichen nicht

Die Prüfung des Bundesrechnungshofs bezog sich zwar nur auf sogenannte Einstiegskurse der Bundesagentur für Arbeit, für die es nahezu keine Regeln und Qualitätsstandards gab. Die Vorschriften für die Integrationskurse des Bamf sind wesentlich detaillierter und strenger. Eines aber beweist der Prüfbericht des Rechnungshofs ohne Zweifel: Dass Eigenmotivation auf der einen Seite und Nächstenliebe auf der anderen nicht ausreichen, um für erfolgreiche Sprachkurse zu sorgen. 

Damit es in den vom Bamf finanzierten Integrationskursen besser läuft und alles mit rechten Dingen zugeht, hat sich die Behörde einen wahren Berg an Vorschriften einfallen lassen. Eine Integrationskursverordnung regelt haarklein, dass jeder Teilnehmer jeden Tag zu Beginn des Kurses in der Teilnehmerliste eigenhändig mit einem nichtradierbaren Stift unterschreiben muss. Um ganz sicher zu gehen, legt Paragraph 2 fest: „Erscheint ein Teilnahmeberechtigter nicht zum Unterricht, ist sein Unterschriftsfeld unmittelbar nach Unterrichtsende mit einem Querstrich durchzustreichen. Nachträgliche Änderungen, insbesondere nachträgliche Unterschriften der Teilnahmeberechtigten sind nicht zulässig.“ Die Liste müsse ständig aktuell gehalten werden, im Unterrichtsraum liegen und bei einer Kontrolle vorgezeigt werden.

Zweifellos sind die Regeln der Integrationskursverordnung eindeutig, Papier aber auch sehr geduldig. Wie häufig das Bamf tatsächlich kontrolliert und mit welchem Ergebnis, war von der Behörde auf Nachfrage leider nicht zu erfahren.

Das System lädt zum Betrug ein
In jedem Fall wären viele Kontrollen nötig, denn das System selbst lädt zum Betrug ein. Es gibt für alle Seiten zu viele Anreize, eine bessere Präsenz als tatsächlich zu melden. Und es geht um viel Geld: Allein im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung 610 Millionen Euro für die Integrationskurse bereitgestellt. Um das Geschäft konkurrieren 1736 Institutionen. Vor allem Volkshochschulen und private Sprachschulen bieten ihre Dienste an, aber auch Wohlfahrtsverbände wie die Caritas und die Arbeiterwohlfahrt. Für jede Unterrichtsstunde erhält der Anbieter 3,90 Euro je Teilnehmer. 1,95 Euro je Stunde müssen die Teilnehmer theoretisch selbst bezahlen. De facto machen das nur wenige, denn wer Hartz IV oder Sozialhilfe bezieht, muss nichts zahlen. Die übrigen Kosten übernimmt das Bamf.

Allerdings erhält der Kursanbieter kein Geld für einen Teilnehmer, der unentschuldigt fehlt. Das ist eine tückische Konstruktion, denn die Fixkosten der Sprachschule bleiben gleich. Der Raum muss geheizt, die Lehrkraft und die Verwaltung müssen bezahlt werden – egal, ob 15 oder 25 Teilnehmer im Kurs sitzen. Für die Anbieter bedeutet das: Je mehr Teilnehmer gemeldet werden, desto mehr Gewinn. Und je mehr unentschuldigte Teilnehmer, desto weniger Gewinn.

Wer bei Lehrkräften, Kursteilnehmern und Anbietern nachfragt, wie es um die Anwesenheit der Teilnehmer de facto bestellt ist, stößt meist auf eine Mauer des Schweigens. Die Teilnehmer fürchten Sanktionen der Arbeitsagentur, die in der Regel hochmotivierten Lehrkräfte um ihren Job, die Anbieter um ihr Geld. Wer trotzdem redet, besteht auf Anonymität. So war es auch bei den Recherchen für diesen Artikel. Eine Kursteilnehmerin berichtet, dass in ihrem Kurs zwölf Leute eingeschrieben waren. „Nur zwei waren immer da. Zwei oder drei Leute waren meistens da, und der Rest war fast nie im Kurs. Es war fast wie Privatunterricht.“ Manchmal habe die Lehrerin die Fehlenden angerufen. Die hätten dann unterschrieben – und seien wieder nach Hause gegangen. „Mein Gefühl war, dass die meisten Leute sich überhaupt nicht für den Kurs interessiert haben. Und am letzten Tag, als wir die Prüfung machten, haben die Leute, die nie da waren, die vergangenen Wochen unterschrieben.“ Ein Sekretär habe gezählt, wie oft sie da waren, und habe jedem gesagt, wie viele Tage er nachträglich unterschreiben müsse.

„Dann wären die alle ganz schnell wieder da“

Der Fall mag extrem sein, ein Einzelfall aber ist er nicht. In diversen Gesprächen war zu hören, dass mal zwanzig Prozent der Leute schwänzen, mal fünfzig Prozent, mal aber auch alle da sind. Eine Lehrerin weist darauf hin, dass es ja auch für sie selbst Vorteile habe, wenn viele Kursteilnehmer wegbleiben. „Wenn nur die Hälfte da sitzt, wird ja auch das Unterrichten einfacher.“ Und in einem Internet-Forum für die Lehrer von Integrationskursen heißt es in einem Beitrag von 2015: „Finanziellen Schaden hat der Bildungsträger hauptsächlich durch das ordnungsgemäße Führen der Listen, also wenn man die Fehlzeiten der Teilnehmer wahrheitsgemäß protokolliert. Habt ihr etwa nicht geschummelt?“ Ein anderer Teilnehmer berichtet, dass „wir die Fehlenden nötigen, korrekte Entschuldigungen zu schreiben (,Ich war krank‘)“. Ein Problem gebe es dann nur noch, wenn jemand mehr als dreimal hintereinander fehle, weil er sich dann nicht mehr selbst entschuldigen könne.

„Natürlich hängen die schlechten Erfolgsquoten im Sprachtest damit zusammen, dass viele nicht zu den Kursen kommen“, gesteht eine andere Lehrerin. Ihre Lösung: Wer schwänzt, sollte seine unentschuldigten Tage aus eigener Tasche bezahlen müssen. „Dann wären die alle ganz schnell wieder da!“ Und die Anbieter der Kurse hätten keinen Anreiz mehr, falsche Angaben zu machen.

Der Vorschlag mag klug sein, doch es deutet nichts darauf hin, dass er einmal umgesetzt wird. Denn theoretisch sind heute schon Sanktionen möglich. Die Jobcenter können Ausländern, die Hartz IV beziehen und am Kurs teilnehmen müssen, das Geld am Monatsende in einem ersten Schritt um 30 Prozent kürzen. Wer den Integrationskurs nicht besteht, kann auch Probleme dabei bekommen, seinen Aufenthaltstitel zu verlängern. Das alles greift aber nur, wenn der Anbieter den Behörden ehrlich meldet, wer an den Kursen teilnimmt und wer nicht.



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