Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

«Einer Minderheit anzugehören, gibt dir noch keine Erlaubnis, Stuss zu erfinden»


Aus Orten des freien Denkens und Forschens werden zunehmend Institutionen der Unfreiheit: Der Philosoph Peter Boghossian, ein angesehener Vertreter seines Fachs, geht mit dogmatischen Vertretern von Gender- und Race-Studies hart ins Gericht. Nun steht er selbst unter institutioneller Beobachtung.

Herr Boghossian, Sie sind Philosoph. In den letzten Jahren sind öffentliche Debatten immer mehr von identitätspolitischen Belangen überlagert worden: Wer etwas sagt, ist wichtiger als das, was jemand sagt. Triviale Informationen zu Geschlecht, Herkunft, Nationalität oder Religion werden wie ein Gütesiegel gehandelt. Auch in Ihrem Fach hat dieser Trend Einzug gehalten. Wann wurde das Unbehagen so gross, dass Sie sich entschieden, etwas dagegen zu unternehmen?

Peter boghossian, amerikanischer philosoph. (bild: pd)

Peter Boghossian, amerikanischer Philosoph. (Bild: PD)

Das war im Jahre 2014. Es ist nichts Neues, wenn ich Ihnen sage: Menschen blicken für gewöhnlich durch ihre epistemische Landschaft, um die Urteile, die sie ohnehin schon haben, zu rechtfertigen. Die entsprechende Einsicht des Wissenschaftsjournalisten und Skeptikers Michael Shermer lautet: Je schlauer du bist, desto besser bist du auch im Rationalisieren einer schlechten Idee. Die klügsten Leute rationalisieren die Dogmen der gerade herrschende Orthodoxie, in diesem Fall Vorstellungen von Rasse und Gender. Das passiert nun eben längst auch in philosophischen Seminaren, die zu Sprachrohren für diese Trends geworden sind.

Konkreter, bitte.

Nehmen wir den Fall Rebecca Tuvel. 2017 veröffentlichte die amerikanische Philosophin einen Text im «Peer-reviewten» akademischen Journal «Hypatia». Darin argumentierte sie: Wenn es möglich ist, dass eine Person sich mit einem anderen Geschlecht identifizieren kann als demjenigen, mit dem sie geboren wurde – warum sollten Menschen das nicht auch mit der Rasse tun können? Es folgte eine Hexenjagd. Auch prominente Philosophinnen flippten aus. Was Tuvel schrieb, widersprach der herrschenden Lehre der Gender-Theoretiker und Anti-Rassisten gleichermassen.

Das klingt beinahe so, als sähen Sie die Geisteswissenschaften ideologisch belagert.

Das sind sie, ganz offiziell. Die neue Orthodoxie ist heute an amerikanischen Unis wirklich genau das: eine Orthodoxie, auch wenn sie wissenschaftlicher Evidenz entbehrt. Aber Letztere ist auch gar nicht nötig. Denn wer diese Orthodoxie nicht teilt, gilt als Häretiker. Die Deutungshoheit liegt vor allem bei jüngeren Fächern, die den Zusatz «studies» führen. Sie verfügen an den Universitäten über den nötigen organisatorischen und institutionellen Rückhalt.

Moment, bitte. Als akademische Disziplin scheint die Philosophie gegenüber solchen Trends doch erst einmal weniger anfällig zu sein.

Das stimmt längst nicht mehr. Wirklich schlaue Leute machen wirklich seltsame Dinge. Und darin sind die klügsten Menschen noch gewandter, so dass sie diesen Ideen – die unter dem Titel «Diversität», «Gleichheit», «Inklusion», «Trigger-Warnung», «Safe Spaces» oder «Mikro-Aggressionen» kursieren – zum Durchbruch verhelfen.

Vermuten Sie ein ideologisches Komplott?

Nein, nur den Siegeszug schlechter Ideen – und eine Gruppe von höchst empfindsamen Menschen, die Macht über Erkenntnis stellen.

Sie haben gemeinsam mit dem Mathematiker James Lindsay beschlossen, Ihre erste Entlarvung der Ungenauigkeiten im Feld der Gender-Studies zu lancieren. Sie haben ein frei erfundenes Paper in einem akademischen Journal veröffentlicht, das einen Zusammenhang zwischen dem männlichen Genital und dem Klimawandel herstellte – augenscheinlich haarsträubender Unfug, der aber dennoch publiziert wurde.

Darf ich etwas ausholen?

Gerne.

Wir waren vom Physiker Alan Sokal inspiriert, der 1996 das akademische Journal «Social Text» mit einem frei erfundenen Artikel zur Quantenphysik foppte. Wir entdeckten den Twitter-Account @RealPeerReview, der wirklich wahnsinnige Artikel aus den Geisteswissenschaften teilt. Da wir aus der Bewegung der neuen Atheisten gekommen waren, begriffen wir: So wie Christen die Bibel und Muslime den Koran haben, so haben eben Anhänger der Gender- Studies ihr eigenes Glaubensbekenntnis. Wir wollten also deren Wissensbasis delegitimieren und zeigen: «Seht: Das ist nicht, was ihr meint, das es ist.» Das Problem dabei war, dass das Journal, dem wir den Bären aufgebunden hatten, kein hochrangiges Gender-Studies-Periodikum war – da hatten die Kritiker recht.

Damit war die Geschichte aber offensichtlich nicht zu Ende. Wie ging es weiter?

Als die Kritiker das beanstandet hatten, beschenkten sie uns mit einer neuen Idee. Sie gaben uns zu verstehen: Wenn ihr wollt, dass das klappt, müsst ihr es systematisch angehen. Okay, dachten wir! Lasst uns einmal sehen, ob es funktioniert – lasst uns aber intellektuelle Integrität wahren und in dem Falle, dass es nicht klappt, sagen: «Das ist, was wir versucht haben, das ist, was wir getan haben – und wir sind gescheitert.» Unseren Fortschritt liessen wir also von einem Filmemacher dokumentieren, Mike Nayna. Die Sache war ernst, wir würden uns nicht mehr herausreden können. James Lindsay dachte, dass wir gar keinen Artikel zu veröffentlichen vermöchten, während ich annahm, dass wir es vielleicht in zwei oder drei Journals schaffen würden.

Mittlerweile ist die ganze Geschichte als Grievance-Studies-Affäre bekannt. Sie haben insgesamt 20 pseudowissenschaftliche Artikel verfasst. In einem davon behaupteten Sie, dass Hundehalter fast immer einschritten, wenn ihr Hund im Park einen anderen Rüden besteige, bei einer Hündin aber deutlich seltener, was die «rape culture» in der Mensch-Tier-Beziehung widerspiegle. Ein weiterer Aufsatz gab Dichtung als analytisches Wissen aus. Und ein anderes Manuskript rezyklierte Passagen, die direkt aus Adolf Hitlers «Mein Kampf» stammten.

Unsere ersten Versuche waren absichtlich schlecht geschrieben. Die waren nicht einmal irre, sondern einfach nur inkohärent – Wortsalat. Das klappte nicht. Wir haben dann schnell die auf Frauenthemen spezialisierte Historikerin Helen Pluckrose ins Team integriert und diese Ideen wirklich erforscht – in Fat Studies, feministischer Geografie, Critical Race Theory. Wir produzierten zwanzig Artikel in zehn Monaten. Sieben wurden veröffentlicht oder für die Publikation akzeptiert, bis wir ertappt wurden; sieben weitere waren unter Begutachtung. @RealPeerReview hatte Teile aus dem Hundepark-Paper getwittert. Dann hat uns das «Wall Street Journal» auffliegen lassen. Es sah, was die Redaktionen jener Journale nicht sehen konnten – dass dieses Gedankengut schlichtweg Blödsinn war. «National Review» und andere Medienunternehmen und Organisationen nahmen sich der Sache an. Dann war es vorbei. Leider, weil wir weitere Paper bereit hatten – und die waren vollkommen wahnsinnig, noch wahnsinniger als die anderen, weil wir besser geworden waren.

Was hat Sie am meisten alarmiert?

Schon früh zu sehen, wie erfolgreich wir waren – niemand von uns hätte erwartet, dass wir einen Text in «Hypatia» publiziert bekämen. Auf bedrückende Weise überraschend war, dass so wenige Individuen ehrlich und aufrichtig waren und überhaupt zugaben, dass es ein Problem geben könnte – dass wir dann und wann mit unseren Schlussfolgerungen begonnen und uns rückwärts bewegt hätten oder dass wir vielleicht ideologisch motiviert seien. James Lindsay schrieb in fünf Stunden einen Artikel über Dichtung. Das Stück war das blödsinnigste Gelaber. Die Lyrik darin hat er mit einem Online-Generator für Gedichte erstellt! Und dieser Artikel wurde akzeptiert und veröffentlicht. Je mehr wir unterbrachten, desto kühner wurden wir.

All dies dürfte doch belegen, dass im akademischen Betrieb der Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA und anderswo etwas grundlegend schiefläuft – und zwar systematisch.

Ja. Die geläufige Replik war: «Das ist alles halb so wild, es geht ja nicht ums Ingenieurwesen!» Das ist natürlich nicht der Punkt – denn auch Geisteswissenschaften haben Standards. Helen Pluckrose hat dafür eine gute Analogie. Stellen Sie sich ein Haus vor, das ein Problem mit Kakerlaken hat, worauf Sie Leute hinweisen. Und deren Antwort ist: «Was ist eigentlich mit dem Nachbarhaus? Das ist auch befallen! Warum gehen Sie nicht rüber und ermitteln dort?» Wir hatten aber genau dieses Phänomen untersucht. Es steht allen frei, Bautechnik, Anthropologie, Philosophie, Marketing und Buchführung auf etwaige Kakerlaken zu überprüfen. Es gibt aber ein Problem in diesem einen, bestimmten Feld. Und das zu leugnen, ist verlogen.

Haben Sie auch positive Rückmeldung von den kritisierten Kollegen erhalten?

Nein. Kein einziger ist vorgetreten, um zu sagen: «2017 habt ihr versagt, ich habe euch gesagt, was ihr tun müsst – und das habt ihr getan. Tut mir leid, ich war im Unrecht, und ihr seid im Recht, ich hab’s nun begriffen, danke.» Vielmehr ignorieren mich meine Fachkollegen genauso wie die Vertreter der Grievance-Studies-Disziplinen. Ich spräche sehr gern mit ihnen darüber, sie wollen diese Unterredung oder Debatte aber nicht. Wir haben sie oft zu öffentlichen Diskussionen eingeladen. Ein neueres Beispiel: Wir haben an der Portland State University eine Veranstaltung mit James Damore organisiert, dem Google-Ingenieur, der das «Google Memo» programmiert hatte, und dafür das Women’s Studies Department eingeladen – niemand kam.

Sie wurden für Ihre Aktionen auch harsch kritisiert. Wie gingen und gehen Sie damit um?

Kritik ist das falsche Wort. Angriffe auf die Reputation, personalisierte Hetze, Rufmord, Beschuldigungen wie die, wir seien alle «weiss», wir seien «Nazis» – wir bekamen die ganze Palette ab. Wahnsinn. Und absolut unzutreffend.

Was haben Sie daraus gelernt?

Erstens haben wir es buchstäblich mit einem Kampf der Weltbilder zu tun. Und zweitens: Das theoretische Fundament der Grievance-Studies-Disziplinen ist dürftig. Deren Radius breitet sich dennoch mimetisch aus, sie sickern in das Bewusstsein der Menschen ein und verändern ihre Wahrnehmung der Realität. Es ist doch interessant, dass diese Leute glauben, dass sich mit Penis geborene Individuen als Frauen bezeichnen können, während sie meinen, dass sich als Liberale verstehende Individuen keine Liberalen sein können.

Sie klingen besorgt.

Ich bin besorgt, sehr sogar. Denn die Personen, die weiter daran arbeiten, diese antiliberalen, antiaufklärerischen Werte zu etablieren, diese zu institutionalisieren und damit Inklusions-, Diversity- und Equity-Büros mit heterodoxen Ansichten gegen Fakultätsangehörige zu bewaffnen – diese Leute denken, dass alles wunderbar nach Plan läuft! Die ganze Universität ist eine ideologische Mühle, in der Studierende mit diesen Glaubenssätzen indoktriniert werden, während zugleich immer mehr konservative Stimmen ausgesondert werden. Als sie die Konservativen holten, habe ich nichts gesagt. Als sie die Moderaten holten, habe ich nichts gesagt. Und als sie dann die Linksliberalen holten, bemerkte ich, dass ich ein Problem habe.

Was macht man mit einem Universitätssystem, das aufgrund stark ansteigender Irrationalität sein eigenes Fundament unterminiert – nämlich den freien Austausch von Gedanken und Ideen und die freie Forschung?

Vielleicht wird es irgendwann eine Alternative zum Universitätssystem geben – ich weiss es nicht. Für Deutschland oder Europa kann ich nicht sprechen, aber die Konservativen hier vertrauen dem Universitätssystem nicht mehr. Und das ist verkehrt und muss von uns geändert werden. Konservative Stimmen müssen in die Akademie zurückkehren. Weltanschauliche Vielfalt muss als Primärwert gesetzt werden. Wir können nicht zulassen, dass der Mangel an öffentlichem Vertrauen unsere Institutionen erodieren lässt.

Jedwede «Diversität» scheint heute akzeptabel – nur echte, zuweilen unbequeme intellektuelle Vielfalt nicht.

Das ist der Fehler, den die Leute machen – sie denken: «Oh, Diversität! Was für ein wohlklingendes Wort, das fühlt sich gut an!» Was tatsächlich damit gemeint ist, ist oftmals bloss ideologische Homogenität. Studierenden zu sagen, dass Sprache eine Form von Gewalt sei, ist eine der Sachen, die unsere Universitäten wirklich umbringen. Du wirst nie in der Lage sein, Probleme zu lösen, wenn du damit beschäftigt bist, beleidigt zu sein, und obendrauf noch alle anderen für eine existenzielle Gefahr für dein Leben hältst.

Meinungen werden neuerdings als Gefahr für die eigene Existenz betrachtet – und entsprechend wie Gewalttaten geahndet.

Stimmt. Das gibt einem dann das Recht, diese zu verbannen und zu canceln. Das hat viele Konsequenzen. Eine davon ist, dass man nie erprobt, woran man selbst glaubt. Vielmehr sagt man sich: «Ich bin ein besserer Mensch, weil ich mich nicht mit solchen Ansichten befasse» – wenn sich alle so verhalten, zerfällt die Gesellschaft. Sollte diese Meinung breitere Resonanz erfahren, wird niemand mehr mit jemandem reden. Wie sollen wir so Probleme lösen?

Wen meinen Sie mit «wir»?

All diejenigen, die von diesen ständigen Kulturkämpfen und Diskussionen erschöpft sind. Machen wir die Probe aufs Exempel: Es kam ja vor, dass als Männer geborene Individuen im Frauensport antreten durften. Die Resultate sind bekannt. Trans-Frauen gewinnen bei den Wettkämpfen zumeist mit gehörigem Abstand, egal in welcher Disziplin. Die biologischen Unterschiede der Geschlechter, die in den Gender-Studies als zweitrangig oder irrelevant abgetan werden, treten hier klar hervor. Wer diese Unterschiede betont, ist jedoch kein Frauenhasser. Ich hege keine negativen Gefühle gegenüber Frauen, weil ich darauf hinweise, dass sie nicht so schnell rennen können wie Männer. Und zu behaupten, dass jemand genau das tue, wenn er wie ich darauf hinweist, ist eine grobe Fehlbeschreibung – und ignoriert völlig den Umstand, dass ebendieser Jemand einen Sinn für Fairness hat. Im Sport sollten als Frauen geborene Frauen mit anderen als Frauen geborenen Frauen wettstreiten dürfen. Ich verteidige Trans-Rechte, solange die Fairness gewahrt ist, solange andere dadurch nicht drangsaliert werden. Wenn als Männer geborene Frauen am Frauensport teilnehmen, ist das jedoch unfair. Sollte ich mich täuschen, bin ich natürlich bereit, meine Meinung zu ändern – aber dann müssen wir streiten, nicht diffamieren.

Die irrationale Komponente dieser Postulate scheint evident. Wäre «Obsession» womöglich die angemessene Bezeichnung für das Verhalten mancher Grievance-Studies-Anhänger?

Wer nicht mehrfach benachteiligt ist, hat kein Recht zu sprechen, und Diskriminierung verleiht einem in diesen Kreisen einen eigenen Status. Fragt man die Anhänger der Intersektionalität, auf welchen rationalen Argumenten ihre Autorität gründe, sind sie wegen der Frage beleidigt und weisen auf Identitätsmarker hin: «Du bist ein weisser Mann, natürlich fragst du mich das. Aber du hast kein Recht dazu.» Das ist eine Form von Verlogenheit und entspricht der Art, wie Fundamentalisten reagieren würden – also jene Leute, deren kognitiver Apparat von einer Idee überschrieben worden ist, die keine Reflexion mehr duldet. Das moralische Denken hat das rationale abgelöst.

Weniger apodiktisch: Die affektive Komponente dieser Denkweise ist vordergründig, das Analytische hingegen zweitrangig.

Eine Methode zu benennen, die Menschen nutzen, um zu Urteilen zu gelangen – das sollte ein intellektuelles Gütesiegel sein, weil es das ist, was Individuen in einer Gesellschaft tun, um Wissen voranzutreiben und herauszufinden, was wahr ist.

Unter der Grievance-Studies-Anhängerschaft gilt Wahrheit jedoch als ein «Narrativ». Es handelt sich um Personen, die sich über die dumme Formulierung von den «alternativen Fakten» echauffieren, selbst aber keinerlei Problem damit haben, von «Wahrheiten» im Plural zu sprechen.

Korrekt! Interessanterweise sagt das aber niemand, wenn er in seiner Bank den Schalterbeamten um Wechselgeld bittet. Und wen rufen die eigentlich an, wenn ihr Kind hinfällt und sich das Bein bricht? Wäre ich je Menschen begegnet, die erst einen Zauberer konsultieren, statt ins Krankenhaus zu fahren, würde ich sagen, dass diese Leute wirklich glauben, was sie behaupten. Tun sie aber nicht. Sie setzen nicht auf Zaubersprüche, sondern gehen zum Arzt – so, wie sie auch beim Geldwechsel in der Bank wissen, dass eine Währung nicht subjektiv ist. Sie verhalten sich nicht gemäss dem, was sie glauben, und sind in diesem Sinn unaufrichtig. Und um sich selbst vor Anschuldigungen der Unaufrichtigkeit zu schützen, konstruieren sie diese elaborierten Rituale, die bloss intellektuelle Verteidigungen sind.

In Ihrem neuen Buch «How to Have Impossible Conversations» gehen Sie mit James Lindsay der Möglichkeit nach, eingefahrenes Denken mit den Mitteln der Konversation zu verändern. Es ist ein origineller Versuch, dogmatische Prämissen aufzulösen. Gleichwohl scheint mir, es sei pessimistisch grundiert – Sie machen beispielsweise keine Vorschläge für akademische Reformen.

Sie haben recht. Nach einer Untersuchung gemäss Title IX – einem amerikanischen Antidiskriminierungsgesetz – beschloss meine Universität, dass ich meine Meinung bezüglich sogenannter geschützter Gruppen nicht kundtun dürfe. Ich bin also mit institutionellen Restriktionen konfrontiert, was ich sagen kann und was nicht.

Was ist Ihre Prognose für die weitere Entwicklung der Geistes- und Sozialwissenschaften in den USA?

Ich bin pessimistisch. Ich bin nur in dem Sinne optimistisch, als ich glaube, dass sich diese Ideologie irgendwann selbst auffressen wird. Dann dürften alle behaupten: «Ich war’s nicht! Ich war daran nicht beteiligt!» Aber das wird noch dauern. Das Problem mit den Universitäten ist, dass es bösartige Ideologen auf unkündbaren Stellen gibt. Das ist eine der Weichen, die diese Weltanschauung stützt. Diese Leute unterrichten Ideen, die spalten.

Wenn es um reale Probleme geht, ist dieses Milieu auffallend still – siehe das Schweigen zu Greueltaten und Menschenrechtsverletzungen, insbesondere im Nahen Osten.

Erinnern Sie sich, wie der IS jesidische Frauen wortwörtlich versklavt hat? Es gab einen wirklichen Sklavenmarkt für sie – wir wissen das aus erster Hand von Zeuginnen, die überlebt haben, und von Videos, die herausgeschmuggelt wurden. Haben Sie irgendwelche Campus-Demonstrationen dagegen gesehen?

Auch von Judith Butler, der Vordenkerin der «Zwangsheterosexualität» und des «gefährdeten Lebens», war nichts zu vernehmen.

Und diese Leute sagen, sie seien Aktivisten! Dies ist ein ungeheuerliches moralisches Versagen. Wir sind mit realer, tatsächlicher Sklaverei konfrontiert – und im Gender-Studies-Lager und unter dessen Aktivistinnen herrscht Grabesstille.

Welchen Ausweg aus diesen akademischen Sackgassen sehen Sie?

Mein Vorschlag lautet: Wenn du wirklich auf deinen eigenen Beinen stehen und ein intellektueller Erwachsener werden willst, dann sieh in den Spiegel! Der wichtigste Wert, an den du dich halten solltest, ist Überzeugungsveränderung. Du musst deine Ansichten auf Basis von Vernunft und Nachweisbarkeit revidieren. Social Justice und Intersektionalität sind kulturelle Phänomene, die Amok gelaufen sind. Und darüber müssen wir ernsthaft reden. Und ja, ich will gleiche Rechte für Schwule, Lesben, für Trans-Menschen und alle anderen – zu hundert Prozent. Aber einer Minderheit anzugehören, gibt dir noch keine Erlaubnis, Stuss zu erfinden und ihn deinen Mitmenschen aufzuzwingen.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl